Jun 102010
 

Es geht los. Regencapes werden raschelnd in die Sitze gedrückt, Handys ausgeschaltet, herunter gefallene Sitzkissen wieder auf die Stühle  geschoben. Die großen Seitenscheinwerfer werfen nur noch schwaches Licht in den Innenraum. Dann ist es dunkel. Nur ein Lichtstrahl ist direkt auf einen steinernen  Seiteneingang des uralten Theaters gerichtet. Da erscheint er und wird von den Rängen mit  „Maestro, Maestro“ begrüßt. Dirigent Pier Giorgio Morandi schreitet von der Seite der Arena von Verona zu seinem Pult, geleitet von einem Begleiter. Die rund zweiundzwanzigtausend Menschen in der ausverkauften Arena halten den Atem an. Es ist mäuschenstill. Er hebt den Taktstock und dann beginnt das Spektakel.

datail-ausenansicht-arena-di-verona.jpgAlles ist hier Schauspiel. Es beginnt schon am frühen Abend, wenn die Zuschauer aus allen Ecken der Stadt auf der Piazza Brà eintreffen.  Man trägt lange farbige oder schwarze Abendkleider, die Herren Anzüge. Sehen und gesehen werden gehört auch hier dazu – das Opernpublikum liebt es, vor der Aufführung durch die Stadt zu schlendern und sich in einem der Cafés, wie beispielsweise im Liston Dodici auf der Piazza Brà, bei einem Spritz auf den Abend einzustimmen. Kurz vor Beginn wird das Treiben auf der Piazza hektischer, Händler mit Wasserflaschen und Wein schieben sich mit den Zuschauern vor die Eingänge der Arena. Reißenden Absatz finden aufblasbaren Sitzkissen für einen Euro.

Dann, wenn alle ihre Sitzplätze eingenommen haben, die einen auf den dunkelroten Poltronie in den ersten Reihen, die anderen auf den Rängen mit Luftsitzkissen, trägt das Wetter sein Spektakel vor: Dunkle, drohende Wolken hängen an einem heißen, schwülen Tagen oft über der Stadt. Man sitzt unter einem Himmel, an dem es von fernen Stürmen wetterleuchtet. Und spürt einige Tropfen Regen und den Wind, der über die Bühne und den Zuschauerraum pfeift. Jetzt kann es passieren, die Italiener leise „pioviggina“ wispern. Übersetzt: „Es regnet ein bisschen“. Das bedeutet, dass die Instrumente wieder zugedeckt werden und die Aufführung um kurze Zeit verschoben wird. Denn die Feuchtigkeit kann die empfindlichen Musikgeräte schädigen.

Mit etwas Glück hält die unfreiwillige Verzögerung nur ein paar Minuten an – und dann nimmt die Aufführung ihren Lauf, immer wieder unterbrochen von frenetischen Rufen aus dem Publikum. Überhaupt ist es die Begegnung zwischen der Arena und ihrem Publikum, die Verona so einzigartig macht. Der Dirigent führt das Publikum und seine Schauspieler durch die Oper, und lässt, wenn es danach verlangt, auch Arien doppelt singen. Trotz der nicht optimalen Bedingungen für eine Opernaufführung (zwischen dem Dirigentenpult und den Sängern auf der Bühne besteht ein Abstand von 30 bis 40 Metern) ist es die Atmophäre, die in Verona so  besonders sindi. Durch die verdichtete Atmosphäre wird die künstlerische Aufnahmefähigkeit der Massen gesteigert. Und der Zauber der Arena ist derart suggestiv, dass der Musikgelehrter Teodor Celli schrieb: „Wenn man in die Arena kommt, um einer Opernaufführung beizuwohnen, hat man immer ein wenig den Eindruck, ein Fabelreich zu betreten.“

arena-di-verona-bei-nacht.jpgIn früheren Jahrhunderten war die Arena Schauplatz für Gladiatorenspiele, im Altertum für Jagden und Turniere, im Mittelalter und im 16. Und 17.Jahrhundert sogar für Kämpfe zwischen Stieren und Windhunden. Seit nun fast 100 Jahren (1913 wurde die erste Oper in Verona aufgeführt) gibt es die Stagione lirica nell’Arena di Verona mit fünf verschiedenen Opernaufführungen pro Saison. Das Verdi-Repertoire bestreitet den Löwenanteil. Die Arena von Verona ist das drittgrößte Amphitheater Italiens nach dem Kolosseum und den Theater von Capua in Kampanien. Doch kann man ruhig sagen, dass in keinem anderen Theater der Welt die Anteilnahme der Massen einen so hohen Grad von Spannung und spontanem Mitgehen erreicht. Alle, die in der Arena gesungen haben, bestätigen, dass man eingesogen wird in den schwarzen Menschen-Strudel. Es ist etwas gleich jedem Phänomen eines inneren Austausches, das im antiken Theater gegeben war, wo das Drama unter den Zuschauern in einer einzigen Emotion lebte. Einmal wenigstens im Leben sollte man eine Oper in der Arena erlebt haben.

Text und Foros Bettina Louise Haase

Informationen:

Opernprogramm 2010:
offizielle
Website: www.arena.it, Tickethotline: 0039 045 800 5151; grundsätzlich gilt: je früher man bucht, desto besser.
Bar für Schauspieler und Zuschauer: Liston Dodici, Piazza Brà,Tel: 00
39 045 8031168, www.listondodici.it
Ausflüge: Villa della Torre in Fumane (Valpolicella), Renaissance-Villa mit Mithras-Grotte, Eintritt 40 Euro für Gruppen ab vier Personen, Light-Lunch auf Bestellung; ospitalita@allegrini.it, 0039 045 6832060;
Weinverkostung: Weingut des Sohnes von Dante Alighieri: Serego Alighieri, Gargagnagi di Valpolicella, www.seregoalighieri.it, 0039 045 7703622.
Hotel-Tipp: Best Western Firenze, rund fünf Minuten von der Piazza Brà entfernt, im Nebenhaus edle Apartments, die je nach Saison pro Tag ab 115 Euro kosten: www.bestwestern.it, Corso di Porta Nuova 88, 37122 Verona, 0039 045 8011510
Weitere Informationen: www.enit.de