Nov 292007
 

von Andreas Badenjki
Die zunehmenden türkischen Unternehmen in BRD bieten vielen Jugendlichen eine neue Perspektive. Seit den Achtziger Jahren machen sich immer mehr Arbeitsmigranten in der Lebensmittelbranche und Gastronomie selbstständig, aber auch zunehmend im Bau, Handwerk und produzierenden Gewerbe. Die Zahl der türkischen Selbstständigen in Deutschland beläuft sich inzwischen auf fast 70.000.

In den Jahren 1985-2000 ist die Zahl der türkischen Selbstständigen von 22.000 auf 59500 angestiegen. Dies entspricht einer Wachstumsrate von 11 % pro Jahr. Heute pendelt die Wachstumsrate zwischen 5-7 % pro Jahr.

Dieser Gründerboom türkischer Unternehmen leistet Beitrag zur Entlastung des Arbeitsmarktes durch Schaffung von Ausbildungsplätzen. Außerdem werden Steuern und Abgaben entrichtet und das Waren und Dienstleistungsangebot fördert den lokalen und regionalen Markt Deutschlands.

Denn ein wichtiges Motiv der Selbstständigkeit ist die drohende bzw. eintretende Arbeitslosigkeit und deren Folgen.

 
Die Zeit Online schreibt dazu: am 15.2.2007 – 17:29 Uhr www.zeit.de/online/2007/07/mittelschicht-tuerken?page=3

von Karsten Polke-Majewski
Was unterscheidet eine türkische von einer deutschen Mittelschichtsfamilie? „Nichts, außer dass sie mehr Kinder hat, eher vier als zwei“, sagt Şen. „Die Erfahrung, dass man schnell aufsteigen und genauso schnell wieder tief fallen kann“, sagt Arslan. Die bringen die Türken aus ihrer Heimat mit, wo man die bundesrepublikanische Erfahrung jahrzehntelangen Wohlstandswachstums nicht kennt.

Allerdings ist es nicht nur ihre Kämpfernatur, die viele Türken in die Selbstständigkeit trieb. Es ist auch der Mut der Verzweiflung. Der Gründerboom setzte ein, als die großen Entlassungswellen durchs Land rollten. Längst nicht jeder, der damals seine Abfindung in ein kleines Geschäft investierte, hat überlebt. Weshalb die TDIHK zugeben muss, dass die hohe Selbstständigenzahl weniger auf wachstumsstarke Unternehmensgründungen zurückgeht, als vielmehr auf viele Kleinstgründungen im Handel und der Gastronomie.

Viele von ihnen existieren mehr schlecht als recht. Und doch ist es die beste Chance, den Sprung nach oben doch noch zu schaffen, sagt Yunus Ulusoy, Wirtschaftsfachmann des Türkei-Zentrums. „Die Hartz-Reformen haben zwar vielen Angst gemacht. Aber die Ich-AG war auch eine Verlockung.“ Für die, die sich nicht mehr herumkommandieren lassen wollten. Für jene, die davor zurückschreckten, in der Arbeitslosigkeit hängen zu bleiben. „Für diese Menschen besitzt die Selbstständigkeit an sich eine hohen Stellenwert“, sagt Ulusoy.

Am Anfang leihen sie sich das Startkapital in der Familie und bei Freunden zusammen, weil deutsche Banken die Kreditvergabe an echte und vermeintliche Ausländer immer noch sehr restriktiv handhaben. Eltern, Brüder, Schwestern, Kinder arbeiten mit, oft unentgeltlich und zu jeder Tages- und Nachtzeit. Türkischen Nachbarn und andere soziale Netzwerke bilden den ersten stabilen Kundenkreis. So füllen die türkischen Unternehmer Lücken, die die Deutschen ausgelassen haben, fahren Taxi, gründen Lebensmittelgeschäfte und Restaurants.